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Nr. 2
Weltlose Räume
05.04.2013


Das Projekt ‚Transform’ bietet uns Anlass einige Tendenzen, die wir in jüngster Zeit in der Schweizer OFF Kunstszene beobachten, zu beschreiben und dabei mögliche Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen. Neben dem von Franz Krähenbühl und Sibylle Heiniger organisierten Kunstprojekt ‚Transform’ denken wir an die im Rahmen der ‚Südbühne für alle’ im Theater Gessnerallee im Mai und Juni stattfindende Reihe ‚Lets talk about money, honey’, sowie an das von der Zürcher Hochschule der Künste unterstützte Projekt ‚Working Persistence’, das im März in der Galerie 201 in Zürich stattfand. Diese Beispiele gelten exemplarisch für eine gegenwärtige Tendenz in der alternativen Schweizer Kunstszene.

Wie ‚Transform’, sind auch die anderen Projekte durch eine institutionskritische Motivation geprägt, möchten jenseits bestehender Strukturen einen Freiraum herstellen und dabei kollaborative Prozesse initiieren, aus denen etwas Unerwartetes, etwas Neues entsteht. Dabei entwerfen alle hier besprochenen Projekte einen Ort, haben eine betont offene Form, sind projektförmig organisiert und weisen ein soziales Moment auf. Die transitorische Idee, die in ‚Transform’ explizit thematisiert wird, ist dabei programmatisch auch für die anderen Projekte. Alle sehen das Prozesshafte als zentral an. Wir fragen uns, was das Versprechen der Transformation in diesen Projekten für einen Platz einnimmt, welche Hoffnungen an die eingeleitete kollaborative Ökonomie geknüpft sind und in welchem Verhältnis dies zu einem Moment des Politischen steht.

Der Freiraum, den die Kuratoren in ‚Transform’ entwerfen, ist als ein weltloser Raum gedacht. Es ist ein Raum, der lediglich als eine behauptete, kuratorische Setzung existiert, ohne jeden Verweis auf einen Kontext. So verzichtet das Kuratorium in dem Text, in dem sie ihr Projekt erläutern, auf jegliche Referenz. Transform sei als eine „Versuchsanordnung“ gedacht, die in temporären Zwischennutzungen in Bern stattfindet. Kunstschaffende aus Performance, Theater, Musik und bildender Kunst, seien eingeladen, die ortsspezifischen Werke vor Ort zu realisieren. Transform sei ein „alternatives Medium“ – es bleibt offen, wozu es eine Alternative sein soll – und experimentiere als solches an der „Schnittstelle zwischen Kunst, Kunstschaffenden und Öffentlichkeit“. ‚Transform’ wird nicht in Zusammenhang gebracht mit den unzähligen Projekten der 1990er Jahren, die in Berlin, Wien und auch in Zürich in temporär genutzten Räumen neue Formate für die Kunst erprobten und mit partizipativen Ansätzen ihr Publikum einzubeziehen suchten. Auch fehlen in der kuratorischen Selbstbeschreibung jegliche Verweise auf laufende Debatten, wie etwa die in jüngster Vergangenheit aktualisierte Diskussion um die Möglichkeit von Gemeinschaft, um nur eine zu nennen. Der Freiraum, der in Transform aber auch in den anderen hier beschriebenen Projekten behauptet wird, ist ein Raum frei von einer Umgebung. Die Bedingung der hier geforderten Freiheit scheint gerade in der Befreiung von der Welt zu liegen, in der Befreiung von allem Weltlichen. Es ist eine weltlose Freiheit.

Auch inhaltlich wird, indem Transformation als eine ontologische Tatsache erklärt wird, diese aus dem Bereich der menschlichen Angelegenheiten, wie ihn Hannah Arendt beschrieben hat, in eine Weltlosigkeit überführt. Transformation sei, so die Kuratoren, eine „Grundkonstante unseres Daseins“. In dieser Verallgemeinerung der Veränderung wird nicht nur die Veränderungen der Natur mit denen, die Menschen mit Absicht und einem Begehren vorantreiben, gleichgesetzt, auch wird die Veränderung selbst zu einer Art Naturgesetz erklärt und somit als ein Prozess jenseits der menschlichen Möglichkeit begriffen. In dieser Vorstellung fehlt den Menschen letztlich die Möglichkeit, ein Subjekt der Veränderung zu werden und als solches in den Lauf der Geschichte einzugreifen.

Die Weltlosigkeit, also der Verlust der Erfahrung, in der die Welt als ein von allen Menschen geteilter Raum begriffen wird, ist für Hannah Arendt ein Kennzeichen der kapitalistischen Moderne. Mit der Verallgemeinerung der Verwertung haben die Menschen sich von der Welt und von einander entfremdet, so Arendt. Damit sei ihnen auch die Möglichkeit, sich in der Welt als handelnde Person zu verstehen, abhanden gekommen. Aber erst im Handeln, das sich in der Welt abspielt, öffnet sich durch die gleichzeitige Einzigartigkeit, Verschiedenheit und Pluralität der Menschen das Politische und erst in diesem so verstandenen Handeln ist für Arendt das Neue und Unerwartete möglich. Es ist also, mit Arendt gesprochen, erst der Bezug zur Welt, der das Handeln und damit das Neue ermöglicht, und nicht etwa die Weltlosigkeit. Im Gegensatz dazu ist in den hier beschriebenen Projekten paradoxerweise gerade Weltlosigkeit als Bedingung von Freiheit gesetzt, woraus zu folgern ist, dass erst in diesem von der Welt befreiten Raum, etwas Neues und Unerwartetes möglich wäre.

Das Projekt ‚Working Persistence’ ist von einer Gruppe von Kunstschaffenden aus der Vertiefung Bildende Kunst und Theorie der Zürcher Hochschule der Künste organisiert. In der von der ZHdK betriebenen Galerie 201 treffen die Kunstschaffenden sich während einer Woche und produzieren in einem kollektiven Prozess aus Alltagsmaterialien ein installatives Setting. Im gemeinsamen Arbeiten und beim gemeinsamen Essen – jeden morgen essen die Künstler zusammen im Galerieraum Frühstück – sollen „spannungsvolle Zustände“ entstehen. Und weiter, „Techniken der Wiederholung und ein rhythmischer Arbeitsprozess sollen möglichst viele neue Situationen erzeugen“.

Wie in Transform, geht auch ‚Working Persistence’ von einem scheinbar natürlichen Urzustand aus, den es lediglich in einem neutralen Raum zu aktivieren gilt und so der Austausch per se eine moralische Freiheit zu Tage fördert. In den gegenwertigen gesellschaftlichen Verhältnissen ist Tausch jedoch nicht neutral, sondern als Modus in eine Logik der Verwertung eingebaut und als solcher auf die Schaffung eines Mehrwerts hin ausgerichtet. Der Tausch ist dabei ein ungleicher, da seine Bedingungen nur von einer Seite gesetzt sind. In ‚Working Persistence’ wird die Logik der Verwertung jedoch als solche nicht anerkannt und damit das Prinzip des Tausches und des Austausches im Allgemeinen als eine native Handlung angesehen. Der Tausch benötigt jedoch eine Regulierung, eine Spielregel, auf Grund dessen Verhandlungsbasis er erst vollzogen werden kann und die ihm vorausgeht. Das Setting von ‚Working Persistence’, wie auch das in den anderen beschriebenen Projekten, wird dagegen als eines präsentiert, in dem der Tausch völlig frei und ungezwungen florieren kann und so neue und unerwartete Situation entstehen. Der Austausch wird dabei weder in der Funktion eines vorgegebenen kuratorischen Dispositivs noch im Verhältnis zu der Logik der Verwertung reflektiert, sondern unhinterfragt als Medium von Freiheit und Gleichheit idealisiert. 

Auch ‚Lets talk about money, honey’ scheint das Phantasma der Partizipation für sich zu beanspruchen. Es appelliert an unsere unerfüllten und unterdrückten Sehnsüchte und an als natürlich vorausgesetzte Ressentiments gegenüber der Krise des Kapitalismus. Diese sollen unter Initiierung der Gruppe ,Neue Dringlichkeit' (nD)  mit Hilfe eines „öffnenden, horizonterweiternden, nonhierarchischen Format“ mobilisiert werden und einen Ort schaffen, wo sich gleichzeitig „Theater-, Kunst-, Vortrags-, Workshop-, Party-, Diskussions-, und Forschungsraum öffnen“. Wiederum wird eine Leerstelle – eine Art „White Cube“ – geschaffen, den es mit Aktivität zu füllen gilt. Dabei bleibt ungeachtet, dass die stattfindenden Aktivitäten einen symbolischen Mehrwert erzeugen, der in diesem Fall wohl eher auf der Haben-Seite des kuratorischen Kapitals gutgeschrieben wird als den Teilnehmenden zufällt. 

In jedem Fall manifestieren die beschriebenen Projekte ein Begehren nach Freiheit des Ausdrucks und der Äußerung. Es ist die Sehnsucht nach einem Raum, der frei ist von Zweckrationalität und in dem die Menschen einander, ohne an bestimmte Interessen gebunden zu sein, begegnen können. Das Prozesshafte erscheint dabei als eine unbestimmte, noch nicht in eine Form gebrachte, jenseits der Rationalität stehende Freiheit und verkörpert in diesem Sinne die Vorstellung eines Moments, welcher einer Logik der Verwertung entgegensteht. Im Kontrast zur romantischen Seele, die mit Wehmut an eine verlorene Zeit denkt und so einen Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft eingeht, aus dem heraus sich das romantische Bewusstsein konstituiert, sieht die hier beschriebene Vorstellung, da sie keine historische Reflexion kennt und nichts von einem Prozess der Geschichte weiss, ihre Erlösung in der unmittelbaren Gegenwart.

Da das Neue erst im Kontext mit etwas Anderem, Bestehenden sichtbar wird, aber diese Relation von den besprochenen Projekten weder als solche einbezogen noch in ihrer Konstitution erkannt wird, bleibt die hier beschriebene Tendenz lediglich ein Ausdruck einer diffusen Sehnsucht. Es ist die Sehnsucht, aus dem Trott zu treten, die Welt zu verändern und den Status Quo zu überschreiten, wobei nicht klar ist, was denn eigentlich in Frage steht und überschritten werden soll. Die betont offene Form ist dabei nicht etwa ein Moment, das im Widerspruch zum Status Quo steht, sondern viel eher der Ausdruck eines Unvermögens angesichts der Totalität einer Verwertung, die heute alle Lebensbereiche in ihre Logik einbezieht. In dem die beschriebenen Projekte gerade eben nicht in die Welt treten und in dezidierter Weise den Antagonismus suchen, also statt die Verneinung der Welt die Negation von etwas in der Welt anstreben, verpassen sie es aus der unspezifischen Sehnsucht ein Moment konkreter, politischer Möglichkeit zu machen und verbleiben so in einer allgemeinen Betriebsamkeit des Kunstbetriebs.