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ecrire-nous

Nr. 6
Florida
02.10.2014


Florida ist die Tochter des ehemaligen Lothringer13_laden und ist bei derNeustrukturierung des Münchener Lothringer13-Arsenal entstanden. Das Interview befragt ein Mitglied des ehemaligen Lothringer13_laden Komitees, sowie das neue Lothringer13_Florida Kollektiv nach ihrem kuratorischen Verständnis und danach, was es bedeutet, selbstverwaltend eine Öffentlichkeit zu schaffen, die zugleich einen autonomen Ort künstlerischer und theoretischer Produktion gestaltet.


Ecrire-Nous: Der Lothringer13_laden gibt oder gab es seit dem Jahr 2000. Könnt ihr etwas über die Entstehung des Ladens erzählen? Ab 2010 bezeichnet ihr euch als Komitee. Was waren damals die Gründe euch als Komitee zu bezeichnen? Als was versteht sich nun die neue Gruppe, die sich ab diesem Sommer neu als Florida formiert hat?

L13_Laden: Ursprünglich wurde der Lothringer13_laden von Künstler_Innen gegründet mit einem starken Engagement und Interesse in Dingen wie neuen Medien, Internetaktivismus und dem verstärkten Aufkommen von Artistic Research im institutionellen Rahmen. Seitdem hat sich das Personal mehrfach geändert und sich der Fokus immer wieder stark verschoben. Es war auch immer eher von einem Team die Rede, was auch die arbeitsteilige Produktionsweise beschrieb. Ab 2010 haben wir uns dann entschieden uns als Komitee, also als Repräsentant_Innen der eigenen kollektiven Praxis, zu bezeichnen. Es ging uns um die Propaganda der Tat.

L13_Florida: Seit wir in Florida arbeiten, bezeichnen wir uns dezidiert als Kollektiv, weil uns der exekutive Beiton bei Komitee nicht mehr gefällt. Wir glauben aber, dass tatsächlich im Komitee auch sehr kollektiv gearbeitet wurde, vielleicht nur etwas geheimer. Als Kollektiv sperren wir uns gegen eine individuelle Autor_Innenschaft. Das bedeutet in erster Linie, dass wir nicht versuchen unsere persönliche Präsenz effektvoll in Szene zu setzen, während es im Vergleich dazu möglich wird, Präsenz und Abwesenheit zugleich zu erzeugen. Nach Innen hin ist das dann eher ein Schwanken zwischen geschlossener Gruppe und Einzelpersonen. In langen Plena versuchen wir einstimmige Entscheidungen zu treffen, von dort aus verteilen wir Aufgaben und Verantwortung.


E-N: Was bedeutete der Unterstich zwischen 13 und Laden bzw. Florida? Was implizierte dieser Zwischenraum? Ist das ähnlich zu verstehen, wie die sogenannte Gender Gap, nämlich ein Zwischenraum, der Möglichkeiten jenseits der Normierung offenlässt? Hat das etwas mit eurem kuratorischen Verständnis zu tun, da zum Beispiel die kuratorische Tätigkeit auch impliziert, mit räumlichen Dispositiven zu arbeiten? Man fand zum Beispiel auf der Webseite des Ladens genaue architektonische Pläne von euren Räumlichkeiten. In der aktuellen Pressemappe steht der Schriftzug Florida nun zudem auf dem Kopf...

L13_L: Im Raum konnte man sehr schön spekulieren, was dort schon alles passiert war, eine Art kryptische Dokumentation: Löcher in den Decken, verschiedene Farbschichten an den Wänden, mehrfach überstrichener Boden... Übrigens, neben der Website mit den abgelaufenen Ankündigungen war der Raum auch die einzige Dokumentation, zumindest der letzten 4 Jahre. Somit sollte der Unterstrich im Namen vielleicht ganz ans Ende verschoben werden. Die letzten 4 Jahre des Lothringer13_laden kann man am ehesten als Gap beschreiben - aber eben ohne doch wieder gleich nachfolgende Normierung, Verbesserung, Richtigstellung und so weiter.

L13_F: Der Raum des ehemaligen Lothringer13_laden wurde bei der Umstrukturierung des Areals nunrenoviert – die sedimentäre Dokumentation gelöscht. Floridas Räumlichkeiten befinden sich nun in den verschachtelteren Räumen im Hinterhaus. Auf der einen Seite gehen die Fenster in die Ausstellungsräume der Lothringer13_halle. Die Dokumentation ist uns jetzt schon wichtiger, denn Leute, die Florida neu kennenlernen, sollen ja auch einen Zugang zu unseren Gedanken und Versuchen bekommen  können. Auch uns wird beim späteren Stöbern vielleicht klarer, in welchem noch unbemerkten Kontext unsere Veranstaltungen und Aktionen standen. Wir behalten den Unterstrich in unserem Namen bei, als Spielraum, der die Trennung in Selbe und Andere aufheben soll. Und Raum lässt für nichtnormative Entwürfe. Die Grenzen bestehen ja nicht unbedingt zwischen mir und den anderen. Sondern ich werde eher in meiner Arbeitsstelle, als sogenannte Kuratorin eines Kunstraumes, zu einer Selben gemacht, und plötzlich befinden sich die Anderen, die ich ja eigentlich bin, außerhalb. Diesem seltsamen Phänomen, das Strukturen bewirkt und das uns auch immer wieder austrickst, versuchen wir entgegenzuwirken. Zum Beispiel werden Floridas Räume von politischen und sozialen Gruppen genutzt. Der Name Florida referiert auf den Ökonomen Richard Florida. Richard Florida schreibt über Konzepte und Theorien der „kreativen Klasse“ und deren Zusammenhänge mit der urbanen Gesellschaft. Er referiert auf neoliberale Paradigmen und die Problematik von Selbstverwirklichung in Verbindung mit Selbstausbeutung, die in den 60er Jahren im Silicon Valley ihren Anfang nahm. Diese Problematik ist auch für uns immer präsent, da wir alle ja für wenig Geld ein sehr großes Arbeitspensum bewältigen. Da die Grenzen zwischen der Vereinnahmung durch ausbeuterische Arbeit und der Bereicherung, wertvolle Dinge selbst zu tun und selbstorganisierte Projekte zu starten, fließend ist, möchten wir genau dieser Vereinnahmung entgegenwirken, sie auf den Kopf stellen, wie unseren Namen. Der in Wirklichkeit existierende Staat Florida ist unter anderem ein Rentnerstaat, die Vorstellung das Rentner, die in unserer leistungsorientierten Gesellschaft oft als wirtschaftlich nicht mehr verwertbares Überbleibsel gesehen werden, die Verantwortung für ein utopisches gemeinschaftliches Zusammenleben übernehmen, hat uns gefallen.


E-N: Wie schon der Lothringer13_laden ist Florida multimedial konzeptioniert. Ihr sagt, dass sich das Programm unter anderem aus Kunst, Musik, Literatur, Theorie, Popkultur und Wissenschaft speist und sich materialisiert in Ausstellungen, Performances, Diskussionen, Konzerten, Screenings, Situationen, Unhierarchischem, Institutionsarmut, Kollaboration und Kollektivierung. Speisen und materialisieren weist auf einen organischen Transformationsprozess hin, der sich irgendwo zwischen Input und Output ereignet. Zudem spielt aber auch das Kollaborative eine Rolle, das ihr jenseits von institutionalisierenden Kräften versucht zu entwickeln. Wie hängen für euch Vergemeinschaftung, Experiment, und Produktion zusammen? Und wie konkretisiert sich das ästhetisch, materiell, geschichtlich, sozial und organisatorisch?

L13_L: Irgendwo dazwischen wollten wir eigentlich unbedingt vermeiden. Uns ging es um ein sehr genaues Dazwischen, der Lothringer13_laden als nebulöse Blackbox, hermetisch, klein, opak. Der Input war stark geprägt von den eingeladenen Gästen, mit denen wir dann möglichst im Dämmerlicht unsere Zeit verbracht haben, anstatt gleich ins Scheinwerferlicht zu springen. Der Output war oft nicht konkret, sondern diffus und letztendlich nebensächlich. Wichtiger war uns der katalysatorische Abfall aus der Blackbox, der oft gleich wieder als neuer Input herhalten musste, ein Recyclingsystem des eigenen Überflusses. Schwierig wurde es immer dann, wenn die Blackbox ausgepackt werden sollte, um etwas Tolles zu haben. Dann ist sie kaputt! Du musst schon reinkriechen, was wesentlich unbequemer, heißer und anstrengender ist. Du musst dir deinen Teil nehmen! Das heißt: jede_r Einzelne musste sich anstrengen – eingeladene Gäste genauso wie Leute, die eine Veranstaltung besucht haben – und wir, die im Laden gearbeitet haben; ihren Teil dazutun: auch produzieren anstatt nur zu konsumieren.

L13_F: Die Zone zwischen Input und Output ist die der prägnantesten Erfahrungen. Dort ist man aktiv, man agiert und bekommt nicht etwas präsentiert, das andere zu einer anderen Zeit erfahren haben, das bereits stattgefunden hat. Für mich ist sie nicht nebulös, sondern sehr konkret und nachhaltig. Das Ausprobieren, das dort stattfindet ist ja in keiner Weise beliebig. In dieser Zwischenzone nehmen wir als ein zusammengebastelte Etwas aus Künstler_Innen und Wissenschaftler_Innen, Journalist_Innen, Nachbar_innen, Müttern, Hunden und Kakteen, genaue Setzungen vor. Alle bringen ihre eigenen Praktiken und Verfahrensweisen mit, die in aktivem Austausch verhandelt werden. Wir probieren Formate aus und werken mit Material, auch mit Archivmaterial. Es ist nur schade, dass diese vielschichtigen künstlerischen und sozialen Prozesse die in unseren Projekten produktiv werden, dieses Wuchern und organische Arbeiten in der Zwischenzone, durch die Überlagerung ebendieser künstlerischen und sozialen Prozesse für Rezipierende, oder besser Konsumierende nicht leicht zu verstehen ist, also für Leute, die nicht selbst teilnehmen und auf Erzählungen angewiesen sind. In München mit seiner kleinen offenen Szene gibt es ja mit der künstlerischenArbeit als solcher für Kulturinteressierte wenig Berührungspunkte. Trotzdem ist eine Blackbox alsElfenbeinturm tatsächlich nichts, was uns besonders viel Freude bereitet. Ich glaube, ich würde abschließend sagen: Du musst Dir Deinen Teil nehmen aber ihn auch weitergeben... Nicht nur Gäste müssen sich anstrengen in unsere Blackbox zu kriechen, auch wir müssen uns anstrengen unsere Erfahrungen weiterzugeben,. Denn für unsere Nachbarexistenzen, für unsere alltäglichen Allianzen, zum Beispiel meine Miethausnachbarin die wie ich alleinerziehend ist, soll unsere Praxis ja lesbar werden. Wir möchten erproben, ob unsere Art der politischen, sozialen und kulturellen Aktionen und unsere Formen des Zusammenarbeitens auch für andere Gemeinschaften fruchtbar werden könnten oder dadurchauch größere Gemeinschaften entstehen können., Das kann nur durch aufgesuchte Unterbrechung geschehen. (Beispielsweise plant Florida einen Austausch mit dem Grand Cosmopolis Hotel in Augsburg, das wir mit unserer Projektgruppe „Arbeit“ dieses Jahr besucht haben. Eine Gruppe von Augsburger_Innen hat sich ein Haus mitten in der Stadt genommen, um ihr eigenes Leben besser zu machen, und gegen die dezentrale, isolierende Unterbringung von Migrant_Innen, die ankommen wollen, ein Exempel statuiert. Residency-Gäste von Florida werden, wenn Sie möchten im Grand Hotel mitarbeiten und im Gegenzug werden Bewohner des Grand Hotel nach Florida kommen und dort mitarbeiten. So bekommen die Bewohner des Grand Hotel die Möglichkeit fernab einer Residenzpflicht München zu besuchen.)


E-N: Der Lothringer13_laden öffnete sich punktuell und programmatisch als Produktionsort von Theorie und Kunst. Im Gegensatz zu anderen Ausstellungsorten, ging es euch nicht um rein repräsentative Momente, sondern eher um die Gestaltung von produktiven Ereignissen, Verknüpfungen und Kollektivierungen, um ästhetische, situationelle und kollaborative Zusammensetzung. Dem allen bleibt Florida treu, oder? Könnte man vielleicht auch von einer veröffentlichenden Produktion und Gestaltung von Vorgehensweisen sprechen? Wie versteht ihr eure Arbeit und wie werden sie und das Programm in einem diskursiven, kollektiven und öffentlichen Sinn verhandelbar? Welche Effekte würdet ihr sagen, lösen sich davon ab, zeigen Wirkungen?

L13_L: Zusammensetzung gefällt mir gut. Vieles, was wir machten, hat einen Ausgangspunkt bei bereits verfügbaren politischen wie ästhetischen Analysen wie zum Beispiel Hans-Christian Danys „Morgen werde ich Idiot“, in dem er zeigt, wie aus der Kybernetik eine Matrix der ständigen Optimierung einer und eines jeden und der Gesellschaft geworden ist, und das er im Laden vorgestellt und zur Diskussion gestellt hat. Unser Anliegen war es nie, diese Analysearbeit professionell weiter zu treiben, „ein Stückchen weiter zu drehen“, wie es so schön heißt, sondern vielmehr, etwas zusammen zu basteln aus dem Zerlegten. Dabei entstanden solidarische Zusammenhänge, die sich gegenseitig unterstützten, halfen, sich aber auch verrieten, stritten und nervten. Es gibt auch den Faktor Arbeit in Form von Administration, Repräsentation und Reproduktion. Für diesen Part wurden wir auch bezahlt vom Kulturamt, für den Rest eher nicht. Den größeren Teil unserer Praxis würde ich aber nicht als Arbeit beschreiben, sondern als einen wesentlich direkteren gegenseitigen Tausch und Raub von Zeit, Geld, Wissen und Energie. Irgendwie habe ich auch immer noch das Gefühl, dass unsere Arbeitgeber gar nicht fähig waren, aus unserem Tun Profit zu schlagen. Wahre Schwarzarbeit! Es ging eben auch nicht um Geld verdienen, die Sache als einen Job zu sehen, Lebenslauf auffüllen, sondern darum, Möglichkeiten zu haben, das zu tun, worauf wir Bock hatten. Ich fand es toll, Leute einladen zu können, die einen wirklich interessieren, die gute Sachen machen, mit denen Zeit zu verbringen, und dann kommen bei Veranstaltungen Leute, die deine Interessen teilen, mit denen kannst du dich unterhalten, Pläne schmieden, Freundschaften schließen und Banden bilden. Das ist doch der Effekt, den ein Treffpunkt von Gleichgesinnten im besten Falle haben kann. Attraktivität, Lust, Relevanz, Antidepressivum. Wenn es solche Orte nicht mehr gibt, dann gute Nacht.

L13_F: Naja, also das mit der Schwarzarbeit klingt für mich nach Freibeuter-Romantizismus, industrielle Schifffahrt ist und bleibt nicht romantisch, und auch unsere Arbeit auf dem Schiff namens Florida nicht. Wir stecken viel zu tief in den Verhältnissen unserer Zeit. Aber ich finde Du triffst einen interessanten Punkt, gleichzeitig in diesen schwierigen Verhältnissen machen wir aber als hart Arbeitende und als die Menschen die sich mit uns zusammenschließen (künstlich als Öffentlichkeit getrennt bezeichnet) auch Erfahrungen. Was miteinander geteilt und zusammen geäußert wird, überrascht, reißt mit und berührt. Gemeinsam laut werden, schreiben und zeigen, sich beschützen. Diese Erfahrungen sind relevant, wenn wir dadurch die Mechanismen mit denen Ressourcen kontrolliert werden, z.B. wie zugänglich Wissen ist, zumindest teilweise in gefühlten Momenten umgehen können. Trotz der Ambivalenzen, die sich aus Ihrem Verspanntsein in unsere Welt ergeben. Es gibt ein Bestreben und eine Ankündigung  dezentraler in der Stadt und darüber hinaus zu agieren, uns ist jedoch aber auch durchaus bewusst, dass dieses Bemühen um dezentralere Strukturen mit gewissen neoliberalen Problematiken daher kommt. Es ist nicht etwa so, dass Lothringer13_Florida nun auf die Straße tritt und im neoliberalen Jargon gesprochen die vielzitierte Lyrik des öffentlichen Raums „erobert“. Nein, Florida kann und will sich nur selbst als Öffentlichkeit verstehen, die im Idealfall seinen Akteuren und Gästen stetig und situativ neu verhandelbar bleibt und durch ihr Auftreten und Agieren den Stadtraum selbst hinsichtlich seiner privatisierten und öffentlichen Strukturen befragt. So wollen wir verstärkt Stadtteilbezogen arbeiten. Unsere bezahlte Arbeitskraft, sowie Projektmittel und Räumlichkeiten werden Produktionsort, Schnittstelle und Treffpunkt sein: Im Kino, Soundstudio und der deprivatisierten Bücherei wollen wir eine Archäologie in die Zukunft betreiben, indem in Begegnung mit allen Teilnehmenden eine stetig sich wandelnde Collage von Sounds, Filmmitschnitten und Magazinteilen entsteht. Da wir den Raum und Strukturen schaffen müssen, die dies alles möglich machen, beschreibt Deine Formulierung der veröffentlichten Gestaltung von Vorgehensweisen sehr genau, was wir in Florida tun wollen; Formate finden für unsere Zusammenschlüsse, ihre Äußerungen und ihr Sich Zeigen. Wir wollen stärker Alltägliches, wie etwa gemeinsam Kochen, Essen und Caren, Austauschen und Diskutieren mit so genanntem Künstlerischem, wie dem Umgang mit Material, Werken, Zusammenbasteln, Aufpinseln und situatives Agieren verbinden. Wir wollen Sprachen oder Zeichen finden, die all das beschreiben, die sich aber auch wieder verändern und verhandelt werden. Ein lümmelnder Reigen der Repräsentationen steht zur Debatte, an der alle Teilnehmenden gestalten. Es geht uns darum verschiedene Räume und Territorien sowie Möglichkeiten von Solidaritäten, zu überlagern und zu verdichten. Damit werden srukturierte Räume und Grenzen aufgelöst und hin zu verschiedene ästhetischen, sozialen und rezipativen Momenten geöffnet. Es geht darum die Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit zu besetzen, individuell zu gestalten.  Das bedeutet, dass wir verschiedene Repräsentationssysteme, wie Ausstellungen oderdas Magazine, an verschiedenen Orten, wie andere Kunsträume, Archive, Stadtteilbürgerhäusern, bei uns zu Hause, die als Orte ja auch immer ein soziales Umfeld mit sich führen, platzieren werden. Das ist bestimmt nichts Neues, aber wir probieren es einfach nochmal. (Dabei kannst du Leute kennenlernen die zwar nicht deine Interessen teilen, mit denen du dich aber dennoch zusammenrotten möchtest. Dabei kannst du zweifeln und trotzdem weiterproduzieren. Größtenteils nehmen wir uns ein Beispiel am Laden Komitee. Manche Sachen werden wir sicher auch anders machen: Zum Beispiel haben bis jetzt nur wenige Frauen in der noisy13 Reihe Konzerte gespielt. Darum wollen wir uns noch etwas mehr bemühen.)


E-N: Die Konzertreihe noisy13 nahm schon im Lothringer13_laden eine zentrale Stellung ein und wird nun von Lothringer13_Florida weitergeführt. Wie fügt sich diese Konzertreihe bei euch ein, bzw. was bedeutet für euch Noise?

L13_L: Unser Verständnis von Noise erschöpft sich nicht im Begriff  eines musikalischen Genres. Noise ist Störung, versuchter Kontrollverlust, Methode: Improvisation bezogen auf die Darstellbarkeit von Inhalten, Subjektivität und Kategorisierung. Die Möglichkeit, ein Rauschen zu erzeugen, etwas Opakes entstehen zu lassen, rückt hier an die Stelle angeblich transparenter und möglichst störungsarmer Kommunikation. Darin liegt etwas Konfrontatives, was ich oft vermisse in vielen vollkommen übervermittelten Veranstaltungen im Bereich „Kultur“. Ein Vortrag oder eine Lesung, die nicht nur darauf bedacht ist, Informationen vom Autor oder von der Autorin zu den Rezipierenden zu transportieren, sondern nicht klar nachvollziehbar ist, sprunghaft, chaotisch erscheint, kann oft recht gute produktive Missverständnisse auslösen. Ich denke Noise in erster Linie als ein Werkzeug der Negativität: verschiedene Formatierungen nicht bedienen, nicht etwas klären, nicht etwas kontrollieren wollen, nicht etwas optimieren oder kritisch verbessern, was eigentlich grundsätzlich abzulehnen ist und sich dann freilich völlig in die Dialektik seiner eigenen Begehren zu verstricken. Noise im besten Sinne will keine Lösung sein, sondern lieber Problem bleiben. Noise als Methode nimmt eine zentrale Stellung ein, weil durch sie das Gewohnte in allen Bereichen auf dem Spiel steht.

L13_F: Ungewohnte Settings, die sich auf die Dimension der Performativität hin öffnen, eröffnen einen Raum für neue Erfahrungen. Die gewohnten Grenzen verschieben sich, Unsicherheit macht sich breit und lässt die gewohnten Rollen einer und eines jeden nicht unberührt. Ein gewisses Unbehagen entsteht. Die Aufmerksamkeit ist erhöht. Niemand kann es sich im Modus der Passivität bequem machen. Für alle Veranstaltungen und Produktionen ist das in unseren Augen erstrebenswert.


E-N: Ihr habt vorhin kurz angesprochen, dass man gewissermaßen als KuratorIn auch als AutorIn fungiert und eine Sprache der Inszenierung entwickelt. Manche Kurator_Innen tun das ganz bewusst und praktizieren sozusagen eine künstlerische Praxis zweiter Ordnung. Ihr habt aber genau das kollektiviert, vielleicht sogar anonymisiert, da unter Anderem euer Komitee sich in einem Rotationsrhythmus abwechselte. Ebenfalls geht bei euch das, was man als künstlerische und kuratorische Praxis unterscheiden könnte, ineinander über. Was ist eure konkrete Erfahrung, bei dieser Vergemeinschaftung von kuratorischer und ästhetischer Handschrift?

L13_F: Die angestrebte Vergemeinschaftung von kuratorischer, künstlerischer und ästhetischer Handschrift zielt darauf ab, sich in einem kollektivem Produktionszusammenhang und Prozess direkten subjektiven Zuschreibungsmechanismen, wie man sie vom Kunstmarkt und seinem gegenseitigen Angewiesen-Sein auf KuratorInnen-/KünstlerInnen-Subjektivitäten kennt, zu entziehen. Stattdessen erscheint es uns spannender, Florida als Geschöpf mit eigenem Kopf und Willen zu behandeln. Wichtig ist uns nicht nur das gemeinschaftliche Sein im Kollektiv, sondern auch das Sein mit unseren Gästen und Publika. Vergemeinschaftung schließt also auch Vermittlung mit ein. Dazu setzen wir uns mit der Münchner Künstler_Innengruppe KEKS auseinander, die durch künstlerisch-politische Aneignungsprozesse von Strategien um den Kunstvermittlungsbegriff institutionelle Machtverhältnisse zu dekonstruieren suchte. Wir versuchen außerdem einen beständigen Abgleich und ein bewusstes Austauschen und Experimentieren zwischen den Ordnungsstufen von einerseits kuratorischer und andererseits künstlerischer Sprache, indem wir Setzungen/Settings offenlegen und gleichzeitig die uns durch das Kulturreferat gegebenen Strukturen nach unseren Belieben benutzen, dekorieren und anders erfinden. Das Kollektiv ist keine geschlossene Gruppe. Wir sind als Gruppe zwar größtenteils zuständig für die Organisation und vor allem für die Kommunikation mit dem Kulturreferat. Bei allem, was darüber hinausgeht, öffnen wir uns, docken irgendwo an und es entstehen neue Konstellationen. Florida ist sowieso Viele: Ein Raum, ein Magazine, ein Kollektiv zur Organisation des Raumes und des Magazines, eine Künstler_Innengruppe; Florida schließt sich als Ganzes mit anderen Gruppen zusammen, oder teilt sich und die Teile verbinden sich wieder mit anderen Gruppen oder Teilen von Gruppen. Außerdem arbeiten Gruppen über lange Zeiträume – zuerst im Laden – jetzt im Florida: Die feministische Männergruppe, die sich ihre männliche Sozialisation bewusst macht und sich daraufhin kritisch selbstbefragt; die Projektgruppe Arbeit, die library group, deren Mitwirkende teils in München, teils in Glasgow und New York leben und die sich trotzdem immer wieder zusammenfinden und sich um die Bücher in einem Stadtteilbürgerhaus, im Florida und in der Kunstakademie kümmern und die Buchbestände hinsichtlich queer-feministischer und dekolonialer Lektüren erweitern. Genauso wie das library thing private Buchbestände, die viel zu oft im geheimen Dämmerlicht ihre Zeit verbringen, durch Aufnahme in den Online-Katalog zugänglich macht.


E-N: Ich habe den Eindruck, dass ihr immer sehr informiert wart, welche kuratorische Praxen wo und wie fungieren. 2013 habt ihr verschiedene kuratorisch arbeitende Kollektive zu euch eingeladen, um miteinander Erfahrungen und Möglichkeiten in eurer eigenen Praxis auszutauschen. Damit habt ihr die kuratorische Praxis und ihr Verständnis zur Diskussion gestellt. An welchen Modellen habt ihr euch für die Neueröffnung von Florida orientiert?

L13_F: Das Laden Komitee initiierte Anfang 2013 die Veranstaltungsreihe WTCOTK What´s the concept of this... Kunstraum. Hierbei wurden über ein halbes Jahr lang monatlich Organisator_Innen von Kunsträumen aus anderen Städten in verschiedene Münchner Kunsträume eingeladen – zum Beispiel die Transmission Gallery aus Glasgow in den Kunstverein München –, um nachzufragen, was denn überhaupt die grundlegenden und auch persönlichen Motivationen sind, einen Kunstraum zu betreiben, im Kunstbetrieb zu arbeiten und so weiter. Oft prallten widersprüchliche Konzepte von Organisation, Adressierung, Öffentlichkeit und Kunstverständnis aufeinander. Auch Florida sucht sich Bezugspunkte, um die eigene Praxis zu überprüfen. Als Florida Kollektiv setzten wir uns gerade mit der Praxis der Künstler_Innengruppe Group Material auseinander. Sie haben das Kuratorische zu ihrer künstlerischen Praxis gemacht und zum Beispiel Stadthallensymposien zu stadtpolitischen Streitfragen organisiert. Während der Symposien waren alle Beteiligten – egal welchen „Ranges“ – dazu eingeladen, direkt miteinander zu disputieren. Akteure und Strukturen in öffentlichen Entscheidungsfindungen wurden so offengelegt. Radikale Demokratie. Ein Teil von Group Material hat an der Münchener Akademie studiert. Ihre Methodik wollen wir zum Beispiel in unserer geplanten psychogeographischen Erkundung in Freimann anwenden. In Texten wie „Der Englische Garten in München“, in dem die Geschichte eines Ortes geschrieben wird und diese gleichzeitig durch die Perspektive unterschiedlicher Szenen beleuchtet wird. Das Kollektiv zeigt am Beispiel des Englischen Garten in München die alltägliche Nahtstelle von offiziell repräsentierter inoffizieller/nicht repräsentierbarer Praxen. Nämlich dem Volksgarten als Konstitution bürgerlicher Moral und als Ort der größten „cruising-area“ der Schwulenszene in München. Diese Art der historischen Analyse, in der verschiedene historische Bewegungen, mineure und hegemoniale, in Verhältnis zu einander gesetzt werden und in Bezug auf ihre Zeichensysteme untersucht werden, finden wir interessant. Auch Sarah Rifkys Überlegungen zur Selbst-Institutionalisierung helfen uns weiter. Sarah Rifky beschreibt, dass das Modell der Institutionalisierung angeeignet wird, wenn selbstorganisiert Institutionen gegründet werden, und so ein kollektives Selbst die Verantwortung teilt und übernimmt, die normalerweise an Einzelnen hängt. Die Einzelnen müssten sonst allein das Maß ihres eigenen Erfolgs und ihrer eigenen Produktivität sein. Aktuell stehen wir im Austausch mit den Kunsträumen Outpost in Norwegen und mit circuit & current in Athen bezüglich deren kuratorischer Praxen.

L13_L: Ich fühle mich immer gleich unwohl, wenn nach meiner „kuratorischen Praxis“ gefragt wird. Wir haben doch immer stark Wert darauf gelegt, nicht in dieses Lagerdenken zu verfallen, hier die Künstlerin, der Künstler, dort die Kurator_Innen und dann kommen noch die Besucher_Innen. Immer war die Idee, erstmal ein Format finden zu müssen, in dem sich die unterschiedlichen Rollen und die damit verbundenen Erwartungshaltungen und Aufgabenverteilungen auflösen. Am reibungslosen Ablauf einer Veranstaltung, einer pflichtbewussten Erfüllung der Streber-Formate, gekonnte Ausstellung, Key-Point-Lecture, Critical-Artist-Talk, Contemporary-Art-Research usw. hat uns nie interessiert. Wir fanden immer ein gemeinsames Machen geil, mit den Gästen, mit den Künstler_Innen und nicht für irgendwen. Erst mal die eigene Bezugspunktgruppe sein, tatsächlich gemeinsame Interessen finden; und dann passiert schon was, verändert sich was. Grundsätzlich war meine Motivation einfach, mehr Lust darauf zu haben, etwas selbst zu machen, als auf Mit-Machen, Dabeisein, Zuschauen. Warum ein Konzert besuchen, wenn du selber eins veranstalten kannst, selber eins spielen kannst? Sich mit Dingen beschäftigen, die einen selbst direkt angehen, einen berühren. Der Lothringer13_laden hatte ja ganz klar das Versprechen: hier kannst du das tun, ausprobieren wie es sein könnte. Wir wollten immer nur das machen, woran wir ein Interesse hatten, das, was wir begehren, zu versuchen, Energie reinstecken und noch mehr Energie rausbekommen, das tun, was man gerne machen will. Das klingt banal; ich sehe aber sehr wenige Orte in München, wo das überhaupt probiert wird.

L13_F: Dem Suchen nach de-kategorisierenden Formaten bleibt Florida treu. Florida übernimmt in dieser Hinsicht die Arbeitsweise des Laden Komitees und fühlt sich von dem Begriff des Kuratorischen auch eher nicht angesprochen. Wenn wir von Kuration sprechen, dann bedeutet es tatsächlich das Finden von Formaten und Vorgehensweisen die den oben genannten Freiraum ermöglichen. Florida spricht außerdem auch gerne über Care, da ein großer Teil der Arbeit des Florida Kollektivs – genau wie zuvor des Laden Komitees – marxistisch gesprochen in Reproduktionsarbeit besteht: Wir kochen, wir putzen, waschen Wäsche, halten die Residency-Arbeitsräume in Stand, kaufen Equipment ein, gehen in den Baumarkt, schrauben Regale an die Wand, bauen eine Kinoanlage auf, Konzertanlagen auf und ab, und kommunizieren mit dem Kulturamt, damit das alles möglich bleibt und die Räume Gästen und Besucher_Innen geöffnet werden können, die dann die Möglichkeit haben, mit dem ganzen Zeug, das da ist, zu arbeiten und innerhalb der sozialen Strukturen, die wir spinnen, zu agieren. Der kuratorische Moment ist das Einladen von Gästen. Wir suchen aus, wen wir einladen und freuen uns aber auch, wenn sich Teilnehmende, die nicht streng zum Kollektiv gehören, an der Entscheidungsfindung beteiligen. Genauso ist es mit den Beiträgen fürs Magazine, wobei man das auch als journalistische Arbeit bezeichnen kann. Etymologisch ist das Sorge tragen ja auch im Kuratorischen enthalten, der Begriff wird nur oft anders benutzt: da erschöpft sich das Kuratorische dann darin, Künstler_Innen für eine Ausstellung auszuwählen. Leute wie Sarah Rifky, die in Ägypten gerade eine Welle von „Institutions“-Gründungen in der Kunst- und Kulturwelt miterlebt, füllen den Begriff wieder mit einer reicheren Bedeutung.


E-N: Neben dem implizit und explizit Politischen scheint es auch eine ethische und solidarische Fragestellung bei euch zu geben. Oft beschränken sich kuratorische Fragestellungen auf die repräsentative Dimension des so genannten Politischen. Und nur ganz selten lösen sich Effekte auf eine konkrete ethische oder solidarische Praxis im kuratorischen Handeln ab. Ihr aber schreibt zum Beispiel, dass sich Floridas Produktionsorte von dem Lothringer13-Komplex in solidarische Räume verschieben. Wie muss man sich das vorstellen?

L13_F: Wir arbeiten im Florida für 460 Euro im Monat. In unserem zweiten Leben kümmern wir uns um unsere Kinder, unsere Abschlussarbeiten, unsere Lohnarbeit, unsere eigene künstlerische Arbeit und haben – wie so viele – mit Existenzängsten zu kämpfen. Wünschenswert erscheint uns, unsere zwei oder mehr Leben zusammenzufügen. Mit diesem immer stärker gefühlten Existenzdruck besteht der Wunsch in Bezug auf das funktionierende Handeln Gestaltungsräume zu öffnen und füreinander Sorge zu tragen. Künstlerischer Umgang ermöglicht ein Spiel, ein Verändern und eine Neuerfindung all dieser Kategorien, die uns im Alltag und in der Kunstwelt das Leben schwer machen. Dabei wollen wir all diejenigen unterstützen, die sich ebenfalls mit dem Problem der Prekarität konfrontiert sehen. Das Tolle ist nämlich: wir haben die Möglichkeit Geld zu verteilen; so, dass Leute für ihre Arbeit bezahlt werden, für die sie sonst kein Geld bekommen würden. Wobei unsere finanziellen Mittel leider ziemlich begrenzt sind: 5.300 Euro pro Quartal. Aber wir haben eine kleine Infrastruktur: Produktionsräume, das Tonstudio, das Kino mit Boombox, Küche und Residency. Mit der immer lückenloseren Verwertung kreativer Arbeit gewinnt die Sphäre der Reproduktion andere Bedeutung. Wir haben die Möglichkeit, künstlerische Produktion zu ermöglichen, Gestaltungsräume zu öffnen und eine Struktur zu schaffen, in der man sich bewegen kann, ohne sich für Projektmittel zu bewerben und an Wettbewerben teilzunehmen. Das Interessante in München sind für uns all diejenigen Projekte und Räume, die selbstorganisiert ihre Anliegen umsetzen. Mit diesen Räumen zusammenzuarbeiten ist uns ein Wunsch, weil wir so hoffen nicht immer nur Zeug zu erzählen was nur die verstehen die uns sowieso schon gut finden. Denn wir wollen ja das teilen was uns Spaß macht und uns nicht immer nur selbst bestätigen. Wir wollen herausfinden was anderen auch Freude macht. Die ethische Dimension kann also nur Gastfreundschaft sein: Aufnehmen, obwohl man nicht viel Kapazität hat, und dabei das Fremde fremd lassen.


E-N: Das Lothringer13_laden Komitee untersucht seit Frühjahr 2014 die Beziehung von Arbeit und Kunst. Dazu habt ihr zu euren Projektwochen Interessenten, egal ob Arbeitslose, Freiberufler, prekär Beschäftigte, Angestellte und mehr, zur Partizipation eingeladen, ihre persönlichen Erfahrungen in Beziehung zu strukturellen Fragen rund um Kunst, Kultur, Arbeit, Lohn, Beschäftigung, Selbstausbeutung usw. mit euch zu diskutieren. Es handelt sich also um eine Art kritische Untersuchung der Bedingung von Arbeit in eurem Umfeld. Was habt ihr zusammen erarbeitet?

L13_F: Schon 2013 haben sich das Laden Komitee und seine Gäste zusammen mit Kerstin Stakemeier, die an der Münchener Kunstakademie lehrt, ausgehend vom Russischen Produktivismus mit der Auflösung der Trennung von Arbeit und Kunst beschäftigt. 2014 haben dann die Projektwochen stattgefunden. Da saßen Philosoph_Innen, Kunstvermittler_Innen, Langzeitarbeitslose, prekär Erwerbstätige, Kunststudierende beisammen. Der Austausch selbst war das Ziel, da das gegenseitige Erzählen und Zuhören die konstituierenden Kategorien auflöst. Das ist ein stetiges Mäandern zwischen Diskurs und Erfahrung. Das klingt erst mal nicht nach viel. Und manche Leute sind ja wieder abgesprungen, weil Ihnen die Erzählungen der Teilnehmenden zu deprimierend waren oder wir manche Hoffnung auf Arbeit im Kunstbetrieb nicht erfüllen konnten. Seitdem gibt es die Projektgruppe Arbeit, die eine Schnittmenge mit NEA, dem Netzwerkerwerbssuchender Akademiker, bildet und sich wöchentlich trifft. Sie informiert sich über Projekte, die die Grenzen zwischen Kunst, Arbeit und Leben in Frage stellen und organisieren Ausflüge, um diese Projekte näher kennenzulernen. So auch das Grandhotel Cosmopolis in Augsburg, mit dem sich seitdem eine Kollaboration entwickelt.


E-N: Diesen Sommer wurdet ihr durch kulturpolitische Entscheidungen der Stadt München mit argen Veränderungsplänen konfrontiert, die eure bisherige Arbeit stark in Frage stellten, so sehr, dass ihr darüber diskutieren musstet, wie ihr eure Praxis neu ausrichten könntet. Auf Grund dieser Umstände habt ihr euch entschlossen, euch mit Florida neu zu organisieren. Wie ich gehört habe, habt ihr euch intensiv mit den Möglichkeiten einer Neuausrichtung des Ladens auseinander gesetzt. Was waren die Überlegungen dazu und zu welchen Ergebnissen seid ihr gekommen? Was ist der Stand der Dinge? Könnt ihr etwas darüber sagen?

L13_L: Das gesamte Areal der Lothringer13, zu der eben der Lothringer13_laden und die Lothringer13_halle gehörten, wurde umstrukturiert.  Diese Umstrukturierung berief sich auf Wörter wie „Sichtbarkeit“, „Begegnungsraum“, und „Lebendigkeit“ und manifestiert sich nun in glatten offenen Oberflächlichkeiten. Transparenz und sofortige Zugänglichkeit als oberste Direktive vertragen sich freilich schlecht mit oben erwähnten Vorlieben für  Blackbox und Mikrohermeneutik. Somit wurde der Lothringer13_laden geschlossen, ist in andere Räume gezogen, woeine neue Gruppe einen zweiten Anlauf und einen Neuanfang wagt

L13_F: Die Wut über die Umstrukturierung hat uns den Neustart mit Florida deutlich schwer gemacht. Wir beschlossen dann aber uns ganz und gar auf die Zukunft zu konzentrieren und erst einmal im Kleinen in unserem neuen Kollektiv zu klären, was uns überhaupt wichtig ist. Aus einer gewissen Abhängigkeit können wir uns so oder so nicht lösen, da wir kein autonomer Raum sind. Räume und Gelder kommen vom Kulturreferat. Aber wir versuchen wenigstens so selbstständig wie möglich zu sein und uns eigene Themen zu suchen anstatt in vorgezeichneten Kerben zu stapfen. Unsere neuen Räume nehmen nicht ganz so viel Publikum auf wie die alten, deshalb wird der Organisationsaufwand größer, wenn wir Veranstaltungen in anderen Räumen organisieren wollen. Als Reaktion auf die veränderte Raumsituation fiel die Entscheidung, ein Magazine – ein Zwitterwesen zwischen Magazin und Fanzine – zu produzieren, um in einem autonomen Medium neuen Raum zu schaffen.

 
E-N: Nebst einer Bibliothek, einem Kino, einer Residency, einem Archiv für Gegenöffentlichkeiten mit Fanzines, Postern, Filmen, Sounds, der Konzert-Reihe noisy13 gibt es neu in Florida auch ein Tonstudio. Aber die strukturell auffälligste Veränderung ist, dass Florida von Redaktionsräumen spricht. „Diskutieren, Screenen, Lesen, Essen, Üben, Caren, Struggeln, Improvisieren, künstlerisch Praktizieren und Manifestieren...“ Das scheint sich schon alles allein durchs Lesen ineinander überzugehen und zu vermischen. Wie kommt hier der Begriff der Redaktion ins Spiel? Und welche Funktion nimmt das Tonstudio ein?

L13_F: Das Tonstudio ist ebenso wie der Bibliotheksbestand deprivatisiert. Das heißt, der Eigentümer des Equipments arbeitet weiter damit – unter Floridas Dach – zahlt keine Miete und stellt seine Ausstattung zur freien Verfügung – allen, die Bock drauf haben. Luxus für möglichst Viele! Voraussetzung für die Nutzung ist der Besuch eines Workshops bezüglich der Handhabung der Audiotechnik. Danach können die, die daran teilgenommen haben, das Tonstudio eigenständig für ihre Zwecke nutzen, zum Beispiel um Hörspiele oder Radiosendungen zu produzieren. Es eignet sich auch dazu, vertiefende Interviews mit den zu unseren Veranstaltungen geladenen Referent_Innen zu machen. Die Interviews werden dann online gestellt, ins Soundarchiv, wo sich auch Mitschnitte unserer Diskussionsveranstaltungen finden werden. Von Redaktion spricht Florida, weil wir seit dem Umzug das Magazine Florida produzieren, das ab Oktober halbjährlich erscheinen wird. Es dient als Vehikel des Dialogs und versucht Zusammenhänge zu spinnen. Die Redaktion hat die Funktion, all die Ströme der Informationen und der Tätigkeiten, die bei und mit uns stattfinden, zu bündeln, zu katalysieren, sie miteinander sprechen zu lassen und Ihnen Raum zu geben. Als Bild und Schriftmedium hat das Magazin auch eine eigene Distributionslogik: Vergemeinschaftung von Wissen und Diskussionen, durch die Bereitstellung des Magazins als öffentliche Fläche. Unsere Vorstellung ist, dass bei einer Veranstaltung wie zum Beispiel einer Lesung von Besuchern Sound mitgeschnitten wird und dieser Sound wieder einen ins visuelle übersetzten Niederschlag ins Magazin findet. Durch ihre Auswahl und Übersetzung haben Teilhabende die Möglichkeit, diese öffentliche Fläche aktiv zu gestalten. Damit das gelingt, findet wöchentlich eine Redaktionssitzung in den neuen Räumlichkeiten statt. Diskutieren, Screenen, Lesen, Essen, Üben, Caren, Struggeln, Improvisieren, künstlerisch Praktizieren und Manifestieren...sind alles Tätigkeiten mit eigener unvergleichlicher Qualität, die bei Verschmelzung verloren ginge. Durch das redaktionelle Setting versuchen wir Übergänge zu schaffen, aber die einzelnen Tätigkeiten bleiben weiterhin Werkzeuge, denen man sich situationsbedingt bewusst bedient. Im Florida finden Veranstaltungen statt, die gängigen Disziplinen und Formen zugeordnet werden können. Wir bedienen uns Formen wie Buchvorstellungen, Diskussionen, Screenings, Seminaren und Workshops und auch des allerklassischsten Formats: der Lesegruppe. Letzte Woche hat sich Floridas erste Lesegruppe zusammengefunden, die sich nun vierzehntägig trifft. Entgegen des konsumistischen Prinzips arbeitet sie sich durch „Aus den Ruinen des Empires“: Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“ von Pankaj Mishra – eine non-westliche Perspektive auf die Moderne. Jede und jeder Teilnehmende trägt Verantwortung für ihr Gelingen. Bald wird zudem eine sechste Arbeitsgruppe entstehen, die sich mit Möglichkeiten nicht-heteronormativen Sexes beschäftigt. Wir versuchen die Arbeitsgruppen zweisprachig, in Englisch und in Deutsch zu halten und erhoffen uns so, mit noch mehr Leuten aus den verschiedensten Ecken austauschen zu können. Der Laden hat es oft geschafft, die „Großen“ aus der Münchner Kunstszene zu versammeln. Wenn die auch zu uns kommen, freuen wir uns, klar, aber gleichzeitig versuchen wir auch ein bisschen kleiner, mineur zu werden.
 

E-N: Welche Maßstäbe gebt ihr eurem Kollektiv oder eurem Gelingen selber? Wo möchtet ihr hin? Gibt es eine gemeinsame Utopie, ein Einvernehmen über eure Ziele?

L13_F: Also wir haben zumindest konkrete Pläne, wir befinden uns aber noch in der Phase des Startens. Bei der Frage nach Maßstäben, muss ich immer gleich an Qualitätsmanagement denken. Dabei möchte Florida immer darauf achten nicht wirtschaftliche und prestigeträchtige Verwertbarkeit zu bedienen. Wir möchten immer wieder die Wertigkeit von scheinbar banalem Alltäglichem betonen, wie einmal im Monat Film gucken, zusammen kochen, die Küche mit nasser Wäsche dekorieren. Im Auge behalten, dass für uns wichtig ist wie Menschen handeln und nicht was sie denken oder sagen, gute Analysen bringen, nur etwas mehr durch praktizierte Emanzipation. Unsere Utopie soll nicht in einer luftleeren Blase der Imagination entstehen, sondern direkt Bezug nehmen. Sie wird erprobt werden durch unsere Unternehmungen wie zum Beispiel der geplante Dérive in Freimann. Mit dem Dérive werden wir uns aus aktuellem Anlass psychogeographisch mit dem Viertel Freimann im Münchener Norden auseinandersetzen. In Bezug auf das Erstaufnahmelager Bayernkaserne häufen sich dort derzeit rassistische Äußerungen. Wir haben vor, das Viertel zu begehen und militante Fragebögen zu erstellen. Dabei sind wir uns der Gefahr dank Ecrire-Nous bewusst, in die Sparte „politische Kunst“ hineinzufallen, die zur investigativen Währung gerinnt. Und wir lernen uns ja auch gerade erst gegenseitig richtig kennen, da wir sehr unterschiedlich sind und aus ganz verschiedenen Ecken kommen, sind wir sehr unterschiedlich aber das wollten wir ja auch so. Die Überfälle des Fremden, auch des eigenen Fremden, sind ja die Bedingung einer selbstbestimmten Aneignung oder Veränderung der sozialen und künstlerischen Praxis. Wir werden in andere Städte und Länder blicken, wie dort andere Kunsträume versuchen Netze entstehen zu lassen, die mit immer wieder anderem Werkzeug und anderem Vokabular ihre Version der Welt behaupten. Zum Beispiel werden wir mit Circuits & Currents in Athen sich überlagernden Geographien der Revolte und Stagnation/Depression nachgehen. Und mit Outpost in Norwich die Metapher der Stadtmauer als Weg der Protektion und Identifikation untersuchen. Das Grand Cosmopolis Hotel soll ein langfristiger Austauschpartner_In werden. Ansonsten werden wir Ausflugsgruppen organisieren, die Archive wie das Forum Homosexualität besuchen. Dort machen sie auch Stadtführungen zur Geschichte der Schwulen, Lesben und Queeren-Bewegung in München. Wir planen Veranstaltungen mit Quizfragen aus der Sexualpädagogik der Vielfalt. Darauf diese Fragen gemeinsam zu beantworten freuen wir uns besonders: Florida denkt gerne über galaktischen Sex nach. Performance wird ein wichtiges Medium unserer Anschauungsweise der Tat werden. Kunst tut etwas, ohne etwas zu tun. Ich denke das Tun und zusammen Basteln wird unser Ziel bleiben. Vielleicht können wir dabei als Traum der Zukunft oder besser als Traum des Dauernsals zeitliche Konstante, auf das Scheitern bestehen, das immer wieder Probieren. Aber das ist nur ein Querschnitt aus unseren Plänen. Wir fangen ja gerade erst an!